Tragetipp: Tragen für ein besseres Verständnis

Manchmal ist es wie verhext. Das Baby schreit in einer Tour und ihr wisst einfach nicht, was ihr noch machen sollt. Unsere Trageexpertin Mieke hat im Expertentipp des Monats ein paar tolle Tipps für euch, um das Verständnis zwischen Groß und Klitzeklein auf ein höheres Level zu heben:

Kaum ist ein Baby geboren, verfügt es bereits über mehrere Möglichkeiten der Interaktion und macht gewöhnlich erst dann mit Schreien auf sich aufmerksam, wenn alle vorherigen Zeichen wirkungslos geblieben sind. Wenn ein Baby schreit, setzt es unter großer Kraftanstrengung nicht nur seine Stimme, sondern seinen ganzen Körper ein, um auf sich aufmerksam zu machen. Es schreit laut, bewegt sich unruhig, atmet nicht gleichmäßig und der Herzschlag ist beschleunigt.

Popo hoch bei voller Windel
Je besser Eltern die Zeichen ihres Kindes zu erkennen lernen, desto besser funktioniert die Verständigung – ohne dass das Kind schreien muss. Babys senden nämlich vor dem Schreien fast immer eine Reihe anderer Signale aus, um sich auszudrücken. Je besser und früher Eltern diese zu lesen verstehen und darauf reagieren, desto seltener muss das Baby zur „Endwaffe“ Schreien greifen. Hier nun ein paar Beispiele:

Will das Baby Kontakt aufnehmen, tut es dies in der Regel durch einzelne Kontaktlaute, durch das Nachahmen einfacher Mimiken, durch Strampeln, durch Ansehen und manchmal auch durch das Ausstrecken der Arme sowie das Öffnen der Hände.

Ist dem Baby etwas unangenehm, ballt es die Hände zu Fäusten, bei voller Windel drücken manche Babys im Liegen den Po hoch.

Gerade in der ersten Zeit, kurz nach der Geburt, machen sich Babys oft bemerkbar, bevor sie in die Windel machen. Manche weinen kurz laut auf und wollen danach direkt eine saubere Windel bekommen.

Reibt sich das Baby die Augen oder Ohren, ist dies meist ein Zeichen von Müdigkeit.

Hat das Baby Hunger, schmatzt es oft erst, sucht mit halboffenem Mund nach der Brust,  quiekt, führt die Fäustchen zum Mund und saugt wild daran. Wird sein Bedürfnis dann sofort gestillt, bleibt das Schreien meist aus. Doch auch wenn Mama das Zeichen sofort erkennt und prompt handelt, kann das Auspacken der Brust oder das Zubereiten der Flasche dem Baby schon zu lange dauern. Mit der Folge, dass es lautstark anfängt seinen Hunger kundzutun.

In der Trage werden Bedürfnisse früher erkannt
Wenn Eltern zuverlässig auf die ersten Signale reagieren und das Bedürfnis des Babys befriedigen, wird sich dieser Dialog verfestigen. Das Baby lernt, dass es nicht schreien muss, um dieses Bedürfnis gestillt zu bekommen. In den ersten 2-3 Monaten gelingt es aber nahezu keiner Mutter oder keinem Vater, immer richtig zu erkennen, warum das Baby unzufrieden ist.

Liegt das Kind im Kinderwagen oder auf einer Decke, kann es leicht passieren, dass Eltern die ersten kleinen Zeichen des Kindes versehentlich einfach nicht wahrnehmen. Gerade ungeduldige Babys schreien dann schnell, um sich Gehör zu verschaffen. Es fällt den Eltern dann oft schwer einzuordnen, aus welchem Bedürfnis heraus das Baby gerade schreit.

Tragen Eltern ihr Baby in Tuch oder Tragehilfe nah am Körper, ist es für sie logischerweise durch die unmittelbare Nähe zum Kind viel einfacher, die unterschiedlichen frühen Signale ihres Babys wahrzunehmen. Sie können differenzieren, ob es Hunger hat, Pipi machen muss oder Aufmerksamkeit und Ansprache einfordert. So können sie zuverlässig darauf reagieren. Dadurch weint das Baby weniger und die Eltern fühlen sich sicherer im Umgang und in der Kommunikation mit ihrem Kind.

Positive versus negative Gegenseitigkeit
Wissenschaftlich betrachtet wird das Reagieren und Erfüllen der kindlichen Bedürfnisse als „wiederkehrende Verhaltenskontingenz“ bezeichnet, die einen Kreislauf von entweder positiven oder negativen Gegenseitigkeiten auslöst.

Reagieren die Eltern zuverlässig auf die ersten Zeichen des Kindes (sensitiv responsives Verhalten), erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass das Baby positiv und zufrieden reagiert. Diese kindliche Reaktion bestätigt Eltern in ihrer Kompetenz und erhöht die Bereitschaft, weiterhin sofort auf die Signale des Kindes zu reagieren. Darauf reagiert dann wieder das Kind positiv und der Kreislauf geht immer so weiter – Wissenschaftler sprechen von einer positiven Gegenseitigkeit.

Eine sogenannte negative Gegenseitigkeit entsteht immer dann, wenn zwischen den beteiligten Personen Missverständnisse entstehen. Zum Beispiel wenn Eltern das Zeichen ihres Babys fehlinterpretieren und es beispielsweise wickeln statt den Hunger zu stillen. Die zunehmenden Unzufriedenheitszeichen lösen in den Eltern dann ebenfalls Sorge und Unzufriedenheit aus – erst recht, wenn ihre Bemühungen scheitern und das Kind weiterhin immer dringlicher seinem Unwohlsein Ausdruck verleiht. Diese elterliche Stressreaktion wird dem Kind ungewollt durch Mimik und Gestik sowie über Herzschlag, Atemfrequenz etc. – so genannte nonverbale und paraverbale Kanäle – mitgeteilt. Das wiederum führt zu einer weiteren Belastung für das Kind, wodurch der negative Kreislauf weiter angekurbelt wird und geringfügige Missverständnisse leicht eskalieren können. Eltern fühlen sich dann unfähig im Umgang mit ihrem Kind und das Kind hilflos und missverstanden.

Ausbruch aus dem negativen Kreislauf
Wenn dieser negative Kreislauf regelmäßig und häufig auftritt, die Eltern also im Gesamtbild die Zeichen des Kindes nicht richtig interpretieren, kann sich daraus im schlimmsten Fall eine Beziehungsstörung entwickeln, die Eltern und Kind auf lange Zeit begleitet. Dies ist besonders häufig der Fall, wenn die Eltern im Kindesalter eigene negative Erfahrungen gemacht haben, die ihre Wahrnehmung verzerren.

Merken Eltern, dass sie die Zeichen ihres Kindes auf einmal häufig fehlinterpretieren, wo die Kommunikation doch noch ein paar Tage zuvor super geklappt hat, hilft es oft, das Kind einmal über mehrere Tage intensiv zu beobachten. Dazu sollte man es viel tragen statt den Kinderwagen zu nutzen und versuchen, sich quasi noch einmal neu kennenzulernen. Es kann nämlich gut sein, dass das Baby gerade einfach einen Entwicklungsschub hatte und nun etwas anders als vorher kommuniziert. Und wer versteht schon jemanden, der Italienisch spricht, obwohl er gerade noch etwas auf Finnisch erzählt hat?!

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