Chefwissen: Babytragen helfen beim Stillen

Dass es einen Zusammenhang zwischen Babytragen und Stillen gibt, mag die eine oder andere von euch schonmal gehört haben. Aber was genau steckt da eigentlich hinter? Ist es wirklich erwiesen, dass Mütter, die ihre Babys regelmäßig in einer Trage oder einem Tuch tragen, weniger Probleme beim Stillen haben? Unser Chefexperte Dr. Henrik Norholt aus Kopenhagen hat sich diesem Thema mal angenommen und ist fündig geworden. Was genau der Wissenschaftler herausgefunden hat, der seit 2001 die Effekte des Babytragens und deren Einfluss auf die Psyche und motorische Entwicklung des Kindes studiert, verrät er euch heute höchstpersönlich in unserem vierteljährlichen Chefexpertentipp.

Kann eine Babytrage die Chancen auf erfolgreiches Stillen verbessern?

Eine grundlegende Hoffnung der meisten Schwangeren ist es, ihr Baby problemlos und angenehm stillen zu können. Und das aus gutem Grund, denn ohne Stillen können viele gesundheitliche Risiken für Mutter und Kind auftreten. Bei Säuglingen verbindet man das Nichtstillen mit einem vermehrten Auftreten von Infektionskrankheiten, einem erhöhten Risiko für Fettleibigkeit bei Kindern, Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Leukämie und plötzlichen Kindstod. Bei Müttern wird es mit einem erhöhten Auftreten von prämenopausalem Brustkrebs, Eierstockkrebs, postnataler Gewichtsretention (also dem verlängerten Beibehalten der sog. Schwangerschaftspfunde), Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt und metabolischem Syndrom assoziiert.1

Darüberhinaus stellt Stillen eine psychische Belohnung dar und fördert das persönliche Wohlbefinden. Ihre eigenen persönlichen Still-Erfahrungen machten die weltbekannte Oxytocinforscherin Prof. Kerstin Uvnas Moberg zu einer Vorreiterin in der Untersuchung der Anti-Stress-Eigenschaften von Oxytocin.2,3 Es gibt eine solide hormonelle und physiologische Grundlage für die Frauen, die ihre Erfahrungen beim Stillen als Schweben auf einer rosa Oxytocin-Wolke mit einem beispiellosen Wohlbefinden beschreiben. Für Frauen mit einer Missbrauchsvorgeschichte kann das erfolgreiche Stillen sogar lebensverändernd sein.4
Man kann nur darüber staunen, wie unglaublich schlau der Körper einer Frau ist: Die grundlegendsten Aufgaben des Lebens – die Fortpflanzung und die Ernährung unserer Kinder – können als echte Belohnung wahrgenommen werden, solange sie von der Familie und den Unterstützern der Mutter intelligent und empathisch begleitet werden.

Wenn wir das im Hinterkopf behalten, ist es also empfehlenswert, sich so gut wie möglich vorzubereiten. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die die Chancen einer Mutter erhöhen, ihr Baby erfolgreich zu stillen. Einige liegen außerhalb unserer Kontrolle, aber die meisten können beeinflusst werden.

 

Babyfreundliche Krankenhäuser und mutterfreundliche Geburtsinitiativen

Wenn es möglich ist, in Ihrer Umgebung ein als „babyfreundlich“ zertifiziertes Krankenhaus zu finden, verbessern sich Ihre Chancen auf einen guten Start mit dem Stillen. Die Bezeichnung „babyfreundliches Krankenhaus“ setzt voraus, dass zehn dokumentierte Maßnahmen vorhanden sind, die das Stillen unterstützen.5

Es ist bekannt, dass die Erfolge beim Stillen auch durch Komplikationen während der Geburt beeinflusst werden. Die Wahl der optimalen Geburtsklinik oder des Krankenhauses ist eine weitere Möglichkeit, Ihre Stillergebnisse zu beeinflussen. Eine nationale Vereinigung aus Hebammen-, Laktations- und Neugeborenen-/Geburtshilfe-Organisationen hat definiert, was sie als „mutterfreundliche Geburtsinitiative“ bezeichnen. Ähnlich wie bei der „Babyfreundliches Krankenhaus-Initiative“ wird der Geburtsvorgang in diesen ausgewiesenen Krankenhäusern in zehn gut dokumentierten Schritten oder Maßnahmen geregelt. Diese Initiative ist relativ neu, so dass bisher nur wenige Krankenhäuser diese Bezeichnung erhalten haben. Sie können die zehn Schritte aber als persönliche Checkliste bei der Suche nach Ihrer Geburtseinrichtung verwenden und dort nach den Geburtsmethoden fragen.

Darüberhinaus ist die Teilnahme an Mutter-zu-Mutter-Hilfegruppen besonders in solchen Gesellschaften eine sehr gute Idee, in denen das Stillen seit Generationen verloren gegangen ist. Denn das Stillen ist eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Mutter-zu-Mutter-Hilfegruppen bieten eine vorausschauende Anleitung, damit Mütter lernen, was sie zu erwarten haben, um mögliche Probleme zu vermeiden und Probleme zu lösen, bevor sie zu Hindernissen werden.

Auch wenn Sie diese Vorkehrungen treffen, gibt es neben den Müttern, die völlig problemlos zum Stillen finden, immer noch Mütter mit unvorhergesehenen Geburtsumständen oder weniger guter Geburtshilfe, was die Still-Fähigkeit durchaus beeinflussen kann. Was kann eine Mutter also tun, um ihre Erfolgschancen trotz früher Widrigkeiten zu verbessern?

 

Intensiver Körperkontakt fördert positive Stillerlebnisse

Wie eine kürzlich durchgeführte, kontrollierte Forschungsstudie zeigt, kann intensiver Körperkontakt eine mögliche Lösung sein. In der Studie wurden Babytragen als ein mögliches und leicht zugängliches Instrument zur Verlängerung der Stilldauer bei normalen, risikoarmen Müttern untersucht.6

 

Die Studie stützt die vielen Einzelerfahrungen eines verbesserten Stillens durch die Verwendung einer Babytrage – auch bei nicht optimaler Geburt und mangelnder postnataler Betreuung.

 

Die Studie wurde in Süditalien durchgeführt und umfasste 200 Mütter aus dem Mittelstand. Für die betroffenen Mütter gab es im Krankenhaus bedauerlicherweise weder Richtlinien zum babyfreundlichen Stillen noch zur mutterfreundlichen Geburtspraxis. Mehr als 60 Prozent der Geburten wurden per Kaiserschnitt durchgeführt. Anstatt Mutter und Kind nach der Geburt oder nach einem Kaiserschnitt zusammenzuhalten, wurden sie routinemäßig getrennt und erst nach 3-6 Stunden wieder zusammengeführt. Keine der Mütter in der Studie hatte innerhalb der ersten Stunde Körperkontakt mit ihrem Baby oder die Möglichkeit zu stillen.

Die 200 Mütter wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Beide Gruppen hatten ähnliche sozioökonomische Hintergründe und Geburtsumstände. Beide erhielten auf der Entbindungsstation Informationen über das Stillen und wie es zu managen ist. Aber eine Gruppe (die „Babytrage-Gruppe“) erhielt auch eine für Neugeborene geeignete Babytrage. In dieser Gruppe erhielt jede Frau eine 30-minütige Einweisung in die Verwendung der Babytrage. Zudem wurden sie auch ermutigt, diese so oft wie möglich, aber wenigstens 1 Stunde pro Tag während des ersten Monats nach der Geburt zu verwenden.

Die Forscher waren insbesondere daran interessiert, folgendes zu messen:
den Anteil der Probandinnen, die während des zweiten und fünften Lebensmonats voll oder überhaupt stillen als auch die Häufigkeit der Stillmahlzeiten während des ersten und zweiten Lebensmonats und die Verwendung der Babytrage innerhalb des ersten Lebensmonats.

69 von 200 Müttern nutzten eine Babytrage
Eines der Hauptanliegen eines jeden Forschers, der eine neue Intervention oder ein neues Instrument in einer kontrollierten Studie testet, ist, wie gut die „Interventionsgruppe“ diesen Gegenstand akzeptiert. Dieser Punkt wird streng kontrolliert, da sich aus ihm mehrere wichtige Informationen herauslesen lassen. Eine davon ist natürlich, ob die Studienteilnehmer bereit und in der Lage sind, das vorgeschlagene Instrument zu verwenden. Die Forschung kann auch Informationen darüber liefern, warum dieser Gegenstand für die Teilnehmer nicht (wie von den Forschern erhofft) funktionierte. Darüberhinaus kann man die Untergruppe in der Interventionsgruppe, die ihr Instrument nicht so verwendet hat, wie man es sich von ihr erhofft hatte, mit der Kontrollgruppe vergleichen (der das Instrument gar nicht angeboten wurde, daher die Bezeichnung „Kontrollgruppe“).

Die Forscher fanden heraus, dass von den 100 Müttern, denen die Trage angeboten wurde, 69 diese mehr als eine Stunde pro Tag verwendeten. Umgekehrt haben 31 Mütter die Trage nicht benutzt. Die Gründe für die Nichtverwendung der Trage waren Probleme mit Kaiserschnittschmerzen, Babys, die sich durch Weinen gegen die Trage wehrten und Mütter, die sich mit der Trage unwohl fühlten.

Während die Stillraten in beiden Gruppen bei der Entlassung aus der Entbindungsstation ähnlich waren, stillten die Mütter der Babytragegruppe in der Folge deutlich häufiger – sowohl mit 2 Monaten (74 % gegenüber 51 %) als auch mit 5 Monaten (48 % gegenüber 24 %). Es gab auch signifikant mehr Mütter in der Babytragegruppe, die ihre Babys zu beiden Zeitpunkten ausschließlich mit Muttermilch fütterten (47 % gegenüber 32 % und 8 % gegenüber 1 %).

Unter den 31 Müttern der Babytragegruppe, die keine Babytrage benutzten, unterschieden sich die Stillraten nicht von denen der Mütter aus der Kontrollgruppe.

Ein Blick auf die Häufigkeit der täglichen Stillvorgänge zeigt, dass die Mütter der Babytragegruppe eher dazu tendierten, ihre Babys mehr als sieben Mal am Tag zu stillen: 44 % gegenüber 16 % im ersten Monat und 28 % gegenüber 10 % im zweiten Lebensmonat. Auch waren bei den Müttern aus der Babytragegruppe mehr als drei nächtliche Stillzeiten wahrscheinlicher: 35 % gegenüber 10 % im ersten Monat und 8 % gegenüber 0 % im zweiten Lebensmonat.

Stillen Sie nach Bedarf, nicht nach der Uhr
Sie fragen sich vermutlich, warum die Anzahl der täglichen Stillvorgänge für die Forscher von Interesse ist. Einer der Gründe ist das relativ kleine Magenvolumen von Neugeborenen, das häufiges Stillen notwendig macht. Die stetige Zunahme des Magenvolumens eines Babys entspricht genau den länger werdenden Schlafzyklen des Babys in den ersten zwei Lebensmonaten.7 Wenn das Baby  nicht entsprechend der natürlichen physiologischen Schlaf- und Magenentleerungszyklen gestillt wird, kann das die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen.

Stillen, wenn das Baby das fordert, ist aktuell die offizielle Empfehlung der Laktationsspezialisten.8 Also ignorieren Sie bitte die Ratschläge, nach der Uhr zu stillen, um das Kind nicht zu verwöhnen. Für diese Empfehlung liegen keine wissenschaftlichen Belege vor.7 Darüber hinaus wird Muttermilch schnell verdaut, oft innerhalb von 90 Minuten nach dem letzten Stillen. Daher sollten Mütter nicht auf die Uhr achten, sondern auf die Zeichen des Babys, was leichter ist, wenn sie in engem Kontakt mit dem Baby stehen (z. B. mit dem Baby in der Trage).

Alle Mütter, die ihre Trage benutzt hatten, waren bereit, sie Freunden weiterzuempfehlen. Sie fanden das Babytragen demnach sowohl angenehm als auch praktisch. Außerdem hatte es ihnen geholfen, ihre Stillziele zu erreichen. Es ist daher in vielerlei Hinsicht eine Tragödie, dass fast ein Drittel der Frauen, die eine Trage erhalten hatten, diese nicht benutzten.

Trageberaterinnen helfen bei Anwendungsproblemen
In den letzten Jahren hat sich ein neues fachliches Teilgebiet der „Babytrage-Beratung“ entwickelt. Diese Trageberater durchlaufen unterschiedlich lange theoretische und praktische Ausbildungen – je nachdem welcher Bildungseinrichtung sie angehören. Das Hauptziel von Trageberatern ist es, Mütter darin zu unterstützen, ihre Babys zu tragen. Sie bringen ihre Erfahrung und ihr Wissen ein, um den Eltern (idealerweise auch dem Vater, anderen Betreuern, der Familie oder Fachkräften) zu helfen, die geeignete Babytrage (es gibt mittlerweile dutzende Modelle) zu finden sowie individuelle Anwendungsprobleme zu meistern, wie sie von Müttern in der Studie beschrieben werden.

Die Inanspruchnahme eines Trageberaters schon vor der Geburt kann eine lohnende Investition für Ihre Stillzeit sein. (Manche Krankenkasse bezuschusst eine solche Trageberatung inzwischen.) Dies kann Ihnen und Ihrer ganzen Familie einen gesunden, freudvollen und lohnenden Start ermöglichen, der Ihre lebenslange Beziehung sowie kurz- und langfristige gesundheitliche Auswirkungen entscheidend beeinflussen wird.

Quellen:
  1. Stuebe A. The risks of not breastfeeding for mothers and infants. Rev Obstet Gynecol. 2009;2(4):222-231.
  2. Uvnas-Moberg K. Oxytocin Factor: With a New Foreword: Tapping the Hormone of Calm, Love and Healing. 2nd edition. London: Pinter & Martin Ltd; 2011.
  3. Moberg KU. The Hormone of Closeness: The Role of Oxytocin in Relationships. Reprint edition. Pinter & Martin Ltd; 2013.
  4. Wood K, Van Esterik P. Infant feeding experiences of women who were sexually abused in childhood. Can Fam Physician Med Fam Can. 2010;56(4):e136-e141.
  5. Pike USNL of M 8600 R. THE GLOBAL CRITERIA FOR THE BFHI. World Health Organization; 2009. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK153487/. Accessed December 13, 2017.
  6. Pisacane A, Continisio P, Filosa C, Tagliamonte V, Continisio GI. Use of baby carriers to increase breastfeeding duration among term infants: the effects of an educational intervention in Italy. Acta Paediatr Oslo Nor 1992. 2012;101(10):e434-e438. doi:10.1111/j.1651-2227.2012.02758.x.
  7. Bergman NJ. Neonatal stomach volume and physiology suggest feeding at 1-h intervals. Acta Paediatr Oslo Nor 1992. 2013;102(8):773-777. doi:10.1111/apa.12291.
  8. LLLI | Cue feeding: Wisdom and science. http://www.llli.org/ba/may99.html. Accessed December 15, 2017.
  9. Lauwers J. Counseling the Nursing Mother: a lactation consultant’s guide. 5th edition. Jones & Bartlett Learning; 2011: 491.

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