Tragen direkt nach der Geburt – ist das okay?

Wer gerade entbunden hat, sollte nicht so schwer tragen. Diesen Satz bekommt man als frisch gebackene Mama relativ häufig zu hören. Und es ist ja auch viel Wahres dran, schließlich ist so eine Geburt eine große Belastung für den Körper. Aber gerade mit einem kleinen Säugling hat man ja als Mutter gar keine andere Wahl als das Baby zu tragen, ob mit oder ohne Babytrage. Ist das Tragen an sich denn dann überhaupt gesund? Unsere liebe Trageexpertin Katrin hat sich dieses Thema im heutigen Expertentipp mal zu Herzen genommen und erklärt uns, was überhaupt möglich und okay ist und was unser – na klar – Beckenboden mal wieder damit zu tun hat. 

Der Beckenboden als aktiver Teil der Körpermitte

Um das Thema Tragen nach der Geburt richtig einordnen zu können, ist es wichtig, dass wir etwas weiter ausholen. Denn der Grund, warum immer wieder diskutiert wird, wie früh man als Mutter sein Baby nach der Geburt in einer Tragehilfe tragen darf, hängt eng mit einem bestimmten Körperteil zusammen, das die meisten erst während einer Schwangerschaft oder bei der Geburt ihres Kindes kennenlernen: dem Beckenboden. Erst bei Beeinträchtigungen, wenn also nicht mehr alles „automatisch“ funktioniert (z.B. wenn beim Hüpfen, Niesen, Husten Urin abgeht), nehmen wir ihn überhaupt bewusst war. Dabei ist er eine der wichtigsten Körperregionen der Frau, weil er zusammen mit Bauch- und Rückenmuskeln unsere so wichtige Körpermitte bildet. Wie ein Stockwerk in einem Hochhaus ist die aus drei Schichten bestehende Muskelplatte zwischen Bauch und Rücken aufgespannt. Im Detail übernimmt der Beckenboden folgende Aufgaben:   

  • Stabilisierungsfunktion: er stabilisiert unsere Körpermitte
  • Haltefunktion: er bildet die Basis unseres Körpers, da er den Bauchraum nach unten begrenzt
  • Bewegungsfunktion: er unterstützt die Bewegungen des Beckens
  • Hebe- und Tragefunktion: er hebt und trägt die Organe im Zusammenspiel mit dem Zwerchfell und der Atmung
  • Sexuelle Funktion
  • Öffnungs- und Schließfunktion: er reguliert die Harnblase und den Darm
  • Ausgleichsfunktion: er reagiert durch reflektorische Federung auf Druckerhöhungen im Bauchraum

Auswirkungen einer Geburt auf den Beckenboden

Während der Schwangerschaft und durch die Geburt wird dieser so wichtige Muskel extrem belastet und beeinträchtigt. Das steigende Gewicht von Baby, Gebärmutter, Fruchtwasser und Mutterkuchen aber auch die extreme Dehnung des Beckenbodens bei einer vaginalen Spontangeburt tragen dazu bei. Und auch bei einem Kaiserschnitt wird die mit dem Beckenboden zusammenarbeitende Bauchmuskulatur verletzt, so dass der Beckenboden seine Funktionen nach der Geburt nur noch sehr eingeschränkt wahrnehmen kann. Zusätzlich werden die Bauchmuskeln in einer Schwangerschaft stark gedehnt, müssen nachgeben und die geraden Bauchmuskeln driften auseinander. Die Folgen? Eine instabile Körpermitte. Der Körper der Frau ist einfach nicht mehr im Lot und bedarf dringend einer Regeneration und Erholung. Damit das gesamte Muskelkorsett und der Beckenboden wieder optimal zusammenarbeiten, ist ein ausgewogenes Kräfteverhältnis zwischen allen Muskelgruppen notwendig. Und genau deshalb gibt es die so wichtige Regeneration und Rückbildung nach der Geburt, inklusive Gymnastik.

Ergonomisches Tragen hilft die Körpermitte wieder zu stabilisieren

Wann genau ihr wieder anfangt euer Baby zu tragen (mit oder ohne Tragehilfe), müsst ihr am Ende selbst entscheiden, indem ihr auf euren Körper (und auf euren Arzt und Hebamme) hört. Aber es gibt ein paar Empfehlungen, an die ihr euch halten solltet. Wichtig ist in jedem Fall zu wissen, dass das komplette Rückbildungsprogramm in mehreren Schritten abläuft und bis zu zwei Jahre andauert. Euer Körper benötigt wirklich so viel Zeit, um sich von den Strapazen der Schwangerschaft und der Geburt vollständig zu erholen. 

In der Wochenbettphase, also circa in den ersten acht Wochen bis zur Regelblutung, ist deshalb Erholung angesagt: der Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind sowie Vater und Kind als auch das Erlernen des Stillprozesses sollten im Fokus stehen. In dieser Zeit kann aber der Rest der Familie gut mit eingebunden werden. Mit Hilfe einer Neugeborenentrage kann zum Beispiel der Papa den Nachwuchs mit so wenig Kleidung wie nötig auf nackter Haut über kürzere Sequenzen tragen. (Bitte das Baby ausreichend warmhalten.) Das hilft beim Bindungsaufbau. Da die Beckenbodenbelastung bei der Mutter in aufrechter Körperhaltung am höchsten ist, weil dann die Schwerkraft auf alle inneren Organe wirkt, sollte sie in erster Linie in den ersten Tagen liegen und den Haut-an-Haut-Kontakt erstmal in dieser Position genießen. Zusätzlich sind kleine Spaziergänge, Venengymnastik und leichte Übungen fürs Wochenbett ideal. 

Fühlt die frisch gebackene Mama sich schließlich fit genug, ist der Kreislauf stabil bzw. die Geburtsverletzung oder die Kaiserschnittnarbe in Ordnung und übt der Beckenboden keinen spürbaren Druck mehr nach unten aus, ist es an der Zeit, mit eurem Liebling die Welt zu erkunden. Hierbei ist das Tragen mit einer passenden Tragehilfe besser als ohne, weil das Kind bei korrekter Anwendung der Babytrage (Tragehöhe sollte bei Neugeborenen der Kopf-Kuss-Höhe entsprechen) einen körpernahen Schwerpunkt hat. Dadurch wird die Körpermitte zusätzlich stabilisiert und geschwächte, verletzte Muskeln regenerieren schneller. Nach Kaiserschnittgeburten kann es zudem angenehmer sein, wenn ihr euer Baby noch höher tragt, damit der Hüftgurt nicht auf die Narbe drückt. Tragt ihr euren Nachwuchs nur auf dem Arm, kommt es hingegen häufig zu Ausgleichshaltungen, die die Muskulatur ungleichmäßig belasten. Diese führen dann über kurz oder lang zu Verspannungen und Schmerzen. 


Die passende Tragehilfe finden

Am besten probiert ihr einfach verschiedene Tragehilfen aus, damit ihr herausfindet, mit welcher ihr euch am wohlsten fühlt. Denn das ist das A und O: eine Trage soll euch entlasten und nur, wenn ihr entspannt seid, ist es euer Nachwuchs auch. Idealerweise hilft euch eine Trageberaterin dabei, die richtige Tragehilfe für euch zu finden und sie korrekt einzustellen. Dabei schaut sie bspw., dass die Gurte der Babytrage oder die Tragetuchstränge wenig Druck im Brustbereich ausüben (könnte z.B. Schmerzen und Milchstau verursachen). Ziel der Babytrage oder des Tragetuchs ist es, den Beckenboden, die Bauch- und Rückenmuskulatur und die Armmuskulatur zu entlasten, um so Rückenbeschwerden und Verspannungen vorzubeugen. Denkt bitte auch an bequeme und lockere Kleidung, denn dies verringert den Druck im Bauchraum. Ihr könnt das Tragen auch ganz einfach als Training sehen: Fangt einfach mit ganz kleinen Zeiteinheiten an und steigert diese dann allmählich. Hebt in der Regenerationsphase niemals mehr als das Gewicht eures Kindes und brecht sofort ab, sobald ihr dabei oder dadurch irgendwelche Beschwerden bemerkt. Wenn letzteres der Fall sein sollte, beobachtet genau, wo der Schmerz herkommt (z.B. falsche Haltung, Ausgleichsbewegungen, falsch eingestellte Trage oder zu locker gebundenes Tuch, zu lange Tragezeit etc.) und handelt entsprechend. Eine aufrechte Haltung und ein fester Stand sind beckenbodenfreundlich und unterstützen euch zusätzlich.

Wenn ihr also auf euch, euer Bauchgefühl und auf eure Hebamme oder den Arzt hört und euch nicht überfordert, ist das Tragen nach der Geburt also absolut zu empfehlen. Seid euch darüber bewusst, was in eurem Körper gerade alles passiert und nehmt darauf Rücksicht. Dann unterstützt euch das Tragen nicht nur körperlich und regenerativ, sondern bringt euch eurem Baby noch viel näher. 

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